Sonntag, Oktober 15, 2017

Wesen des Regenwaldes



Sie sind überall. In Baumkronen, zwischen Lianen, an knorrigen Stämmen verstecken sich Gnome, Faune, Fratzen und seltsame Wesen.

Lass uns eintauchen in die magische Welt des Regenwaldes.

Ein Fisch beäugt mich aus dem Baum heraus, erstarrt in der Stille der Zeit. Was macht er da? Wie ist er dort hin gekommen? Warum hat er das Gurgeln des Baches mit dem Rauschen des Windes vertauscht?

Erzähl mir von deiner Welt, Fisch.

Stumm sieht er mich an.

Du täuschst dich. Ich war nie ein Fisch des Wassers. Geboren im Holz, geformt von den Launen der Natur präsentiere ich mich deiner Phantasie.  Eingebunden in das Mosaik des Waldes bin ich Lebensraum, bin ich Quelle.

Ich bin ein Wesen des Waldes. Ich bin nichts und bin alles.

Mein Regenwald, mein Buddha.

Regenwaldfrüchte im Frühling

Frühling.

Die Früchte sind reif.

Ja, es ist Frühling und der bringt uns ein paar reife Regenwaldfrüchte.

Die kleinen Wildhimbeeren sind voll und auch einer unserer Regenwald-Kirschbäume. Die Früchte ähneln tatsächlich der Kirsche. Die Cereja do Mato (Eugenia involucrata) wächst aber im Atlantischen Regenwald und gehört zu den Myrtengewächsen. Ihre Früchte sind sehr saftig und leicht süß.

Araça pera Früchte. Auf dem Foto sind die
kleinen. Wir haben aber schon wesentlich
grössere geerntet
Der Hit sind unsere Araça pera. Sie werfen jeden Tag ein paar Früchte ab. Die Früchte, der in Brasilien heimischen Araça, geben einen leckeren Saft. Nach ein paar Tagen Saftgenuss will ich aber doch auch etwas anderes aus ihnen machen. Marmelade ist das erste, was mir einfällt. Aber, habt ihr schon einmal Marmelade aus Äpfeln gemacht? Nein?

Was haben Äpfel mit der Araça pera zu tun? Beide haben eine ähnliche Konsistenz.

Zuerst genieße ich den süßsauren Duft der Araça pera während ich versuche, sie mit einem Spritzer Zitronensaft und Gelierzucker einzukochen. Plötzlich will es ein wenig brandeln. Ich gebe ein bißchen Wasser dazu, weil die Araça pera, ähnlich wie der Apfel, doch nicht so saftig ist, w
ie ich dachte. Sie ist eher mehlig. Das Ergebnis gleicht dann auch eher einem Apfelmus als einer Marmelade. Ich fülle sie trotzdem in Marmeladengläser ab, schmiere sie aufs Butterbrot und mixe das Araça-pera-Marmeladenmus in meinen Joghurt.

Sieht aus wie Apfelmus, soll aber
Araça pera Marmelade sein
Dann fällt mir ein, dass ich eine Creme aus ihr machen könnte, so wie "Creme de maracuja", eine ewig süße Hinschmelz-Angelegenheit. Sehr einfach zu machen. Im Mixer vermische ich creme de leite (so etwas wie eingedickte Sahne), leite condensado (entwässerte, mit Zucker versetzte Milch, sehr zähflüssig und süß), ein paar entkernte Araça pera und ein bißchen Wasser. Fertig. Das Ergebnis ist ein Traum. Die Säure der Araça pera hebt die schwere Süße der leite condensado wieder auf.

Nein, ich esse nicht alles auf einmal. In Bechern halten sie sich im Kühlschrank so lange, bis ich alles aufgeschleckt habe - immerhin zwei Tage.

Weil ich gerade so in Schwung bin, mache ich mich auch noch an eine Batida. Eine Creme mit Cachaça (Zuckerrohrschnapps). Die wird eigentlich getrunken. Mein Ergebnis lässt sich aber nur löffeln. Also löffle ich meine Araça Batida.
Hicks

Wenn es morgen nicht regnet, werde ich sehen, ob es im Wald noch weitere, reife Früchte gibt, Frühlingsfrüchte, weil hier eben alles anders ist und sich die Erntezeit nicht nur auf Sommer und Herbst beschränkt.

Donnerstag, September 28, 2017

Saurer Regen

"Achtung, es kann sauren Regen geben."

Zuerst dachte ich, ich habe mich verhört. Die Warnung wird aber immer wieder wiederholt. Weil es so lange nicht mehr geregnet hat, sei die Luft voll mit chemischen Substanzen. Die würden jetzt geballt auf uns herunter regnen, heißt es. Als Grund für die Luftverschmutzung wird die hohe Zahl an Bränden angegeben.

Es ist richtig, in den vergangenen zwei Monaten hat es nur wenige Millimeter geregnet. Viel zu wenig. Es stimmt auch, dass die Zahl der Brände höher ist, als sie es im gleichen Zeitraum im vergangenen Jahr war.

Zu viele Raucher. Ja, Raucher. Hier erklären sie immer noch, dass die meisten Feuer durch aus Autofenster geworfene Kippen entbranden. Die meisten Brände werden aber in Schutzgebieten fernab von Autostraßen registriert. Müssen Weitfliegerkippen am Werk sein. Tatsache ist, dass weniger Straßenböschungen in Brand stehen, als Brachflächen, Weiden, abgeerntete Acker und eben auch Schutzgebiete, weil hier immer noch mit Feuer "gesäubert" wird. Das ist verboten, stört aber keinen und wird auch nur selten geahndet.

Aber zurück zum sauren Regen. Vor ein paar Jahren hatten wir noch kleine Solarlampen, weil wir ja keinen Strom hatten. Die Solarlampen musste ich aber nach jedem Regen mit Spüli von einer nur schwer zu beseitigenden weißen Schicht befreien. Zuerst dachte ich, es ist Salz. Per Luftlinie sind wir nur zwei Kilometer vom Meer entfernt. Beim Testlecken hat sich das aber nicht bestätigt.

Ich hatte dann auch mal im Internetcafé in der Stadt nach saurem Regen gestöbert. Fündig geworden war ich nicht. Saurer Regen war kein Thema. Das galt zumindest noch vor fünf Jahren.

Jetzt heißt es plötzlich, dass es sauren Regen geben soll. Die Bevölkerung soll bitte kein Regenbad nehmen, weil das zu Hautirritationen führen könnte, sagen sie.

Kein Wort von Abgasen durch Autoverkehr und Industrie. Kein Wort von den gelben Smogglocken, unter denen Curitiba und andere Großstädte dümpeln. Wie gut, dass es Raucher gibt, die Brände verursachen und jetzt auch sauren Regen.

Dienstag, September 26, 2017

Spinnenbiß

Meine Oberschenkel sind nicht gerade das, was ich als dünn bezeichnen würde. Als ich gestern morgen die Decke zurückgeschlagen habe, war aber selbst ich über die Größe meines linken Oberschenkels überrascht. Über Nacht hat er sich fast verdoppelt. Rund um eine dunkel markierte Bißstelle war er Luftballonmäßig angeschwollen.

Spinnenbiß, hat Alessendro fachmännisch befunden. Wie er darauf kommt, weiß ich nicht. Aber mir fällt auch keine bessere Antwort ein. Die Auswirkungen von den Stichen der Mücken, Griebelmücken, Bremsen und selbst von Bienen sind jedenfalls anders. Der Unterschied ist die Mitte, die leicht nekrotisch ist. So ähnlich sah auch das Bein von Alessandros Tante aus, als sie vor Jahren von einer Armadeira, einer bißwütigen Spinne attackiert worden ist.

Vorsichtshalber habe ich gleich einmal Antihistamine genommen und mir Aloe vera verabreicht. Schwellung und Röte sind daraufhin tatsächlich leichter geworden.

Das war am Morgen. Am Nachmittag habe ich dann beinahe in ein Wespennest gegriffen, als ich im Wald ein Stück Holz aufheben wollte. Zack hat mich eine der Soldatinnen an der rechten Hand gestochen.

Jetzt ist mein Körper wieder im Gleichgewicht: Linker Oberschenkel dick, rechte Hand und Unterarm dick.

Wahrscheinlich sind das Zeichen, dass ich mal eine Pause machen sollte....

Montag, September 11, 2017

Duft löst Bienenattacke aus

Sie stechen nicht, aber sie können nerven. Eine der kleinen schwarzen Bienen versucht, in mein Ohr zu kommen. Ihre Kollegen verzwirbeln sich in meinen Haaren. Eine ist am Mundwinkel. Nein, ich sage nichts, will ihr kein Öffnung bieten. Am Anfang habe ich noch versucht, still dazustehen. Bisher hat das immer geholfen. Jetzt sind die Mandaguaris aber so aufgebracht, dass nichts mehr hilft. Ich renne den holprigen Waldpfad hinauf und sie umschwirren wie ein fliegender Hut brummend meinen Kopf. Irgendwann geben sie auf, fliegen zu ihrem Nest zurück.

Biennenest in Baumhöhle mit
Trompete als Eingang.
Ihr Nest haben wir schon vor ein paar Jahren entdeckt. Für ihr Schloss haben sie einen Baum unweit unseres Waldpfades ausgesucht, der zum Sumpf hinunter führt. Auf sie aufmerksam geworden sind wir durch ihr Gesumme und die Ansammlung der Bienen vor dem Baumstamm. Attackiert haben sie uns bisher noch nie. Nur der Schorschi, der hatte weniger Glück. Zu dritt sind wir einmal den Pfad entlang gestapft, als sie plötzlich auf ihn losgegangen sind. Nur auf ihn, wohl gemerkt. Irgendein Duft, Deo, Parfüm Schorschis muss sie irritiert haben. Uns haben sie jedenfalls in Ruhe gelassen.

Auch jetzt war es wieder ein Duft, der sie aus dem Häuschen gebracht hat. Am Vormittag haben sie mich noch völlig ignoriert. Da stand ich vor ihren imposant angewachsenen Eingang zu ihrem Nest, habe das Handy davor gehalten und fotografiert. Summ, summ. Nichts hat sie gestört.

Am Nachmittag wollten wir in der Nestnähe Bienenfallen aufhängen, in dem Versuch, das gigantische Volk der Pollensammler zu teilen und für die Honigproduktion zu gewinnen. Ich hatte Alessandro noch gebeten, die nach Propolis riechende Flasche vorher abzulegen, damit ich sie für eine genauere Artbestimmung noch einmal fotografieren kann. Über einen Internetkontakt hatten wir versucht, herauszufinden, um welche Art es sich handelt. Die von mir vorher gemachten Fotos hatten für eine eindeutige Identifizierung der Bienen nicht ausgereicht. Neue Fotos sind mir aber nicht gelungen.

Als ich zwei Meter von ihrem Bau entfernt war, kam die erste der kleinen, schwarzen Bienen und setzte sich auf meine Hand. Sie hat wohl die anderen alarmiert. Die kamen so schnell, dass ich gar keine Zeit hatte, an irgendeine Verteidigungsstrategie zu denken. Sie haben mich nicht gestochen. Unangenehm ist einfach nur ihr Versuch in Ohren, Nase, Mund einzudringen oder sich in den Haaren einzurollen.

Später lese ich in einem Handbuch zur Zucht stachelloser Bienen den Tipp, die Ohren mit Watte zu verstopfen. Da steht auch, dass die Mandaguaris einen sehr schmackhaften Honig produzieren. Der Baum muss voll sein davon. Es ist ein riesiger Schwarm. Laut Fachliteratur kann ein Mandaguarinest zwischen 5.000 und 20.000 (!) oder mehr Bienen beherbergen.

Ihren Eingang bauen die stachellosen Bienen aus Wachs. Jede
Art baut eine typische Form. "Unsere" Mandaguari
hat eine riesigeTrompete gebaut.
Um welche Mandaguariart es sich genau handelt, wissen wir noch nicht. Anhand der Fotos und unserer Lokalisation meinte eine der Expertinnen, dass es eine Mandaguari amarela (Scaptotrigtona xanthotricha) wäre. Die hat aber rötliche Beinchen. Die der unseren sind schwarz. Ein anderer tippt auf Mandaguari canudo (Scaptotrigona postica). Deren Vorkommen ist für den Küstenbereich Paranás bisher aber noch nicht nachgewiesen. Dazu kommt, dass sich die Arten der Scaptotrigona untereinander kreuzen.

Vielleicht ist es aber auch eine ganz neue Art. Trotz den Anstrengungen in den vergangenen Jahren gibt es zu den heimischen Bienen Brasiliens noch etliche Wissenslücken und werden immer wieder neue Arten registriert.

Die stachellosen Bienen Brasiliens bauen typische Eingänge zu ihren Nestern in hohlen Bäumen. Unsere hat aus Wachs eine riesige Trompete geformt. Beide der genannten Scaptotrigonas machen ähnliche Eingangstrompeten.

Immerhin wissen wir jetzt aber, dass es eine Mandaguari sein muss. Welche genau es ist, werden wir schon irgendwann herausfinden. Heute waren unsere Bienlein jedenfalls wieder friedlicher. Alessandro hat die Falle in ihrer Nähe an einem Baum aufgehängt. Jetzt heißt es abwarten und hoffen, dass sie dort eine "Außenkolonie" anlegen werden.

Weil etliche der stachellosen Bienenarten Brasiliens bereits vom Aussterben bedroht sind, widmen sich mittlerweile mehrere Projekte deren Schutz. Ein paar davon stelle ich im Brasilienportal und im Amazonasportal vor:





Donnerstag, September 07, 2017

Bunter Mais im Regenwald

Bunter Mais - "milho crioula" - alte Sorten, die wir jetzt im
Wald anbauen werden.


Der ist nicht anspruchsvoll, schmeckt aber gut, sagt sie. Sie, das ist Rosi. Wie viele andere auch, ist sie aus der Umgebung Curitibas angereist, um beim Fest der "Sementes crioulas" in Quatro Barras Samen zu tauschen oder zu verschenken. Rosi hält mir einen wunderschönen Maiskolben entgegen, mit violettfarbenen Deckblättern und roten Körnern. Ich frage sie, ob ich ihn ihr abkaufen darf, weil ich nichts zum Tauschen dabei habe. Nein, sagt sie. Sie verkauft nicht. Sie tauscht nur oder verschenkt. Nimm, bau ihn an und wenn du Kolben übrig hast, verschenk sie, fügt sie hinzu.

Weil ich zögere, wedelt die hagere Frau mit den weißen Haaren ungeduldig mit dem Maiskolben. Dann drückt sie ihn mir in die Hand und greift zu kleinen rot-weißen Bohnen. "Olho de Pombo". Taubenaugen. Der ergibt einen wunderbar sähmigen Bohnensud, erklärt sie mir, nimmt ein Papiertuch und wickelt mir darin eine Handvoll Taubenaugen-Bohnen ein.

Neben ihr hat João seine Samen auf einem Tisch ausgebreitet. Fein säuberlich in Tütchen abgepackt hat er sie. Sojabohnen, Erbsen, verschiedene Kürbissorten, Tomatensamen, kubanischer Salat. Auch er tauscht und verschenkt. Weiter hinten entdecke ich weißes Popkorn mit dunkelgrauen Flecken. Dieses Mal ist nix mit Tauschen. Die Ständlerin gehört zu einem Öko-Projekt, das vor einem Jahr ein "Samenhaus" eröffnet hat. Sie brauchen scheinbar Geld. Also kaufe ich seltsam farbenes Popkorn und Samen von Luffagurken.

Am Stand des Zentrums für Forschungen zum Ökolandbau sagen sie: Nimm. Also nehme ich, packe Samen verschiedener Porongo-Sorten ein. Das ist eine Art Kürbis mit harter Schale. Die Indios lassen sie samt Samen trocknen und verwenden sie dann als Musikinstrument oder auch als Gefäße. Sogar die europäische Kamille gibt es und diverse "pimentas" (Peperonis).

Irgendwann ist der Rucksack voll. Musik spielt und mein Magen knurrt. Also reihen wir uns in die endlose Schlange fürs Mittagessen ein.

"Sementes crioulas" sind Samen "alter" Gemüsesorten, die in der Regel nicht kommerziell genutzt werden. Oft werden sie einfach nur von Hand zu Hand weiter gereicht oder eben bei den Tauschbörsen der "sementes crioulas" verteilt.

Am auffälligsten ist der "milho crioula", alte, in Südamerika heimische Maissorten. Es gibt sogar Samenbanken, in denen sie eingelagert werden, um ihre Artenvielfalt zu erhalten.  Wieviele Typen von Mais es gibt? Tausende. Allein in der Samenbank "Banco Ativo de Germoplasma" (BAG) des brasilianischen Landwirtschaftsamtes Embrapa sind die Körner von etwa 4.000 verschiedenen Maissorten eingelagert.

Allerdings könnte es mit der Maisvielfalt und den Tauschbörsen bald ein Ende haben. In Brasilien gibt es einen Gesetzesvorschlag, nach dem sämtliche Samen "crioulas" Eigentum des Staates werden sollen. Befürchtet wird als Folge ein Verbot der Nachzucht oder die Forderung von Royalties. Interesse an dem außerordentlichen Samenschatz haben auch große Konzerne aus der Gen-Szene, wie Monsanto und Bayer. Die brauchen die Genvielfalt, um neuen und resistenteren Sorten zu züchten.  Bisher haben sie wegen der Biokonvention auf "Semente crioulas" aber keinen Zugriff.

In der Bevölkerung und selbst unter Landwirten wird das Vorhaben kaum diskutiert. Es ist nicht populär genug. Vielleicht spielt auch der Glauben eine Rolle, dass so etwas Ungeheuerliches nicht durchgesetzt werden kann. Im Abgeordnetenhaus und Senat hat die Agrolobby hingegen ein großes Gewicht. Um sie sich grün zu halten, hat Präsident Michel Temer bereits zu lasten der Umwelt und Natur etliche Zugeständnisse gemacht. Bleibt nur die Hoffnung, dass es irgendwann doch noch einen Aufschrei und Gegenwind geben wird.

Das mit dem Gen-Mais ist auch so ein Thema. Auf den großen Anbauflächen wird mittlerweile fast ausschließlich genmanipulierter Mais angebaut. In den Supermärkten spiegelt sich das durch das auf den Verpackungen der Lebensmittel aufgedruckte "T" (transgen) wieder. T-Produkte haben dabei längst die Überhand gewonnen. Speisestärke ohne T, gibt es nicht mehr, oder wenn, dann nur in Läden, die irgendwo fernab von unserer Region im Stadtgewirr der Metropolen versteckt sind. Aber das ist ein anderes Thema.

Wir werden jetzt auf jeden Fall erst einmal bunten "crioula" Mais anbauen, hinten im Wald, in unserem "Agrofloresta".

Freitag, September 01, 2017

Frühlingskirschen


Und die Kirsche hatte doch Recht.

MItten im Winter hat sie vor drei Wochen ihre Blüten heraus getrieben, hat dem blauen Himmel rosafarbene Tupfen entgegen gestellt. Der Frühling kommt, hat sie behauptet. Geglaubt hat es ihr niemand.

Das hat sich vor zwei Tagen geändert. Strahlend blauer Himmel, Sonnenschein und die Luft angefüllt mit sommerlicher Schwüle. 32 Grad im Schatten unseres Waldes, hat unsere Wetterstation angezeigt. In der Altstadt Antoninas sollen es 36 Grad gewesen sein, wie später eine Wetterfee in den Nachrichten verkündet hat.

Am Abend hat es gestürmt und geregnet, haben Strom- und Internetausfall die Signale des heraufziehenden Sommers verstärkt. Stromausfälle und Probleme mit dem Internet sind im Sommer üblich, wenn es gewittert und stürmt, Äste die Leitungen berühren, umstürzende Bäume Leitungen mit sich reißen, Wind die Handysendeantennen aus dem Lot bringt.

Die "Lagartos", Riesenechsen haben ihre winterlichen Erdlöcher auch schon verlassen, streifen auf der Suche nach Nahrung durch den "Garten". Orangen- und Zitronenbäumchen blühen, versprühen ihren Maiglöckchenduft. Alles zu früh, und doch im eigenen Rhythmus der Natur.

Die Kirsche hat gewusst, dass das Frühjahr in diesem Jahr eben früher kommt. Ihre Blütenpracht hat sie längst gegen ein frisches Blätterwerk getauscht. Sie ist bereit für Übergangszeit und Sommer. Wir sind es auch.

Dass wir mitten zwischen Palmen und im Regenwald ein japanisches Kirschbäumchen haben, ist Seu Ito zu verdanken. Seine Tochter Marcia hat ihm nach seinem Tod genau dort ein Denkmal gesetzt, wo vor beinahe 100 Jahren die ersten japanischen Einwanderer im Süden Brasiliens eine Kolonie gegründet haben. Zwei japanische Kirschen zieren das Denkmal. Gezogen wurden sie von Seu Ito. So auch unsere, die uns Marcia als Andenken an ihren Vater geschenkt hat.

Samstag, August 26, 2017

Fallen für stachellose Bienen


Wieder da. 

Bienenfalle aus Plastikflasche
Haben Bienenfallen in Bäumen versteckt. Damit die Bienen sie auch finden, sind sie mit Propolis ausgespült worden. Jetzt heißt es warten, bis sie bevölkert werden.

Anziehen sollen sie die in Brasilien heimischen Bienen, die "meliponíeas". Anders als die in Europa arbeitenden Honigsammler haben sie keinen oder nur einen verkümmerten Stachel.

Etwa 250 Arten dieser "abelhas sem ferrão" gibt es in Brasilien. Sie sind kleiner als die europäischen oder afrikanischen Bienen, sammeln aber genauso fleißig. Im Atlantischen Regenwald sind sie für 90 Prozent der Bestäubung verantwortlich. Etliche stehen aber auf der Roten Liste, verdrängt von der europäischen Art und auch, weil ihre Lebensräume zunehmend zerstört werden.

Ihr Honig ist flüssiger und würziger. Die Indios sagen ihm Heilkräfte nach. 

In "unserem" Wald haben wir in hohlen Baumstämmen Nester von ihnen entdeckt. Ihr Eingang ist ein Wachsgebilde, das je nach Art wie ein Ohr oder ein Schnabel aussieht. 

Damit wir wissen, wie wir die heimischen Bienen anziehen und Honig gewinnen können, haben wir bei der Organisation zum Schutz des Wildlebens (SPVS) einen kleinen Kurs gemacht. Noch müssen wir aber etliches lernen, wie Geduld.
Jeden Tag laufen wir durch den Wald, um zu sehen, ob sie schon in unsere Plastikflaschen eingezogen sind. Geduld. Sie sind wählerisch. In Nachbars Schuppen hat indessen ein Schwarm europäischer Bienen sein Quartier aufgeschlagen. Hoffentlich kommen sie nicht den heimischen Bienen in die Quere.

Wahrscheinlich werden wir ein Bienenfest  machen, wenn sie endlich Einzug gehalten haben.

So sieht ihr provisorisches Nest aus, das sie in den
Plastikflaschen anlegen. Ist es "reif", wird es heraus-
geschnitten und in ihr neues Schlösschen gelegt.
So sieht ihr neues Schlösschen
aus, das bei der Organisation
SPVS steht, etwa 4 Km von uns
entfernt. So ähnliche Häuschen
werden wir auch bauen, vielleicht
aus Bambus...




Montag, Mai 15, 2017

Der Ofen zieht

So eingeheizt.
12,7 Grad hat es gestern Nacht gehabt. Ausreichend, um den Ofen anzuwerfen.

Mist. Er zieht. Er zieht verdammt gut.
Ha, meine Palmen können stehen bleiben, freut sich Alessandro.
Dabei haben wir ihn so bearbeitet, dass er dem Umschneiden von zwei der drei Jerovás zugestimmt hat. Sie stehen zu nah am Haus, nur einen Meter weg, oder so. Der Umgang ist ständig feucht, der Fuß vom Schornstein auch. Außerdem hängen ihre Blätter genau über dem Schornstein.

Die machen den Kamin hin, hat der Fritz gesagt.
Wie soll denn da der Rauch abziehen?
Die müssen weg, hat Mutti befunden.
Und ich habe zugestimmt.

Als sie vor wenigen Jahren zunächst nur zarte Blättchen aus dem Boden getrieben haben, habe ich noch gesagt, lass uns zwei ausgraben und woanders hinpflanzen. Gemacht haben wir es nicht. Jetzt sind sie fünf Meter hoch, sind ihre Stämme zwei Oberschenkel dick und ich staune mal wieder, wie schnell hier in den Subtropen alles wächst. Kaum schaust du nicht hin, schon ist dir das Zeug über den Kopf gewachsen.

Mit Händen und Füßen hat Alessandro seine Palmen bisher verteidigt. Dann kam Schützenhilfe mit dem Besuch von Mutti, Fritz und Achim. Zwei der drei werden auf einer Höhe von 1,20 Meter umgeschnitten, haben wir drei befunden und uns dann doch noch mit Alessandro geeinigt. Die an ihnen festgebundenen Orchideen und der Hirschhornfarn können weiter wachsen und obendrauf kann ich einen Blumentopf stellen.

Ach und jetzt zieht er, der Ofen. Die tollen Unkenrufe waren umsonst.
Das ist doch toll, wie der zieht, sagt Alessandro.
Deine Planungen sind aufgegangen.

Aber die Palmen müssen weg, sage ich. Sie machen die Wand feucht und vielleicht wird dann ja auch das Telefonsignal besser. Die Antenne zeigt ja auch in Richtung Palmenblätter.

Alessandro sagt nichts, nickt nur unmerklich mit dem Kopf, während er Pinhão auf die Ofenplatte legt, Pinienkerne der Araukarienbäume. Werde ihn Morgen noch einmal an den Palmschnitt erinnern.

Hier gibt es mehr über unseren Ofen und wie wir ihn gebaut haben:





Freitag, April 14, 2017

Heilender Schmetterlingsstrauch

Schmetterlingsstrauch "mata campo". Von den hunderten,
die ihn besucht haben, hat nur einer fürs Foto still gehalten.
Was eure Buddleia ist unser "mata campo". Jetzt im Spätherbst zieht der zarte Duft seiner Blüten hunderte Bienen, Hummeln und vor allem Schmetterlinge in allen erdenklich möglichen Farben an.

Eigentlich wollte ich einen acht bis zehn Zentimeter großen borboleta-malaquita (Siproeta stelenes) fotografieren. Der Malachit-grüne Tag-Falter war aber ein bißchen schüchtern und ist immer wieder ausgebüchst, wenn ich ihn endlich beinahe vor der Linse hatte. Vielleicht war es auch ein Smaragd-Schmetterling (Philaethria wernickei). Beide kommen im Atlantischen Regenwald vor und ich kenne nicht wirklich die Unterschiede zwischen ihnen. Mit einem Foto hätte ich den grünen Flatterer wahrscheinlich bestimmen können. So bleibt mir das Erlebnis als schöne Erinnerung im Gedächtnis und ihr bekommt ein Foto von einem anderen Schmetterling, den ich auch nicht kenne. Bei etwa 3.500 Tagfalterarten mache ich mir aber auch keine Sorgen, wenn ich nicht alle kenne. Das Kennen überlasse ich den Biologen.

Unseren Schmetterlingsstrauch nennen die Einheimischen "Mata campo" (Feldtöter). Sein botanischer Name ist Vernonia polyanthes oder Vernonia ferruginea. Dass er im Volksmund den Namen Feldtöter trägt, ist seiner schnellen Ausbreitung zu verdanken. Er wächst auf armen, sauren und verdichteten Böden in voller Sonne, also beispielsweise auch auf Rinder- und Büffeweiden. Zuerst sieht er aus wie eine Blume, wenig später ist sein strauchartiger Wuchs zu erkennen und wenn du ihn nicht rechtzeitig umschneidest wird er ein Bäumchen. Das Ganze geht im Rasetempo. Was einmal eine Weide war, wird mit seiner Hilfe ruckzuck zum Niederwuchs und dann zum Wäldchen. Wir lassen sie stehen. Nur seine Zweiglein schneide ich manchmal ab, damit sie nicht in die Straße wachsen.

Der Mata campo ist nicht nur eine Bienenweide. Blätter und Wurzel werden als Hausmedizin gegen hartnäckigen Husten, Problemen mit Bronchien und Lunge, Rheuma und auch gegen Nierensteine eingesetzt.

Donnerstag, April 13, 2017

Tausendundein Mosaikstein



 Zuerst war das Sammeln von Fliesenresten. Übrig geblieben vom Verfliesen der Bäder, Küchen, Böden und Wände der Nachbarn, Bekannten Freunde. Berge sind es geworden, gestapelt hinter dem Hundehäuschen.

Dann kam das Schneiden, zuerst in Streifen, dann in Quadrate, dann mit der Beißzange in passende Eckstückchen. Wieviel es waren? Hunderte? Tausende? Ewig viele.

Das Motiv war schon im Kopf seit langem. Ich habe es einfach heraus gelassen, es, meinen Paradiesvogel. Mit Bleistift an die Wand gezeichnet hat er Gestalt angenommen. 

Blieb die Farbenfrage. Dutzende Male am Boden ausgelegt. Dann war auch das geklärt.

Fast einen Sack Mörtel habe ich verbraucht, um die Teilchen nach und nach an ihren vorbestimmten Platz an die Wand zu kleben.


Dann kam ein Fehler. Ich dachte mir, weiß macht sich gut als Fugenmasse, kombiniert wunderbar mit der Duschecke. Das Ergebnis: erschütternd. Sah aus wie Gips. So blass. Vielleicht dunkelt es nach. Von wegen. Nix hat nachgedunkelt. Nur steinhart sind die Fugen geworden. Die Folge: Strafarbeit mit Hammer und Meissel, um das greisliche weisse Gipszeug wieder raus zu bekommen.

Die neue Fugenfarbe: Silber. Kommt morgen drauf - hoffe ich.

Aus Resten eine Scheibe bestückt. Wird einmal ein Tischchen.

Und weil ich gerade so in Schwung war, habe ich noch ein paar Reste auf ein rundes Pressholzstück geklebt. Fehlen das Verfugen und die Beine drunter. Dann wird aus dem, was einst für ein Bad gedacht war ein Tischlein. Doppeltes Recycling ...


Donnerstag, März 09, 2017

Bienenhintern an Zungenspitze


Schäferhündin Hanna vor dem Bienenstich
und mit normaler Zunge
Was hat das Viech für eine Riesenzunge. Hanna bekommt ihr Maul gar nicht mehr zu, so dick ist ihre Zunge angeschwollen. Die gleicht einer rosafarbenen Luftmatratze, die auf einem knallroten, ausgestopften Kissen trohnt. Hannas Zähne sind darunter vollkommen verschwunden. Mit ihrer Pfote versucht sie immer wieder, sich dieses seltsame Teil in ihrem Mund rauszureiben. Dass es angewachsen ist, versteht sie nicht.

Als ich bei meiner Morgenrunde die beiden Hundedamen begrüßt habe, war Hannas Zunge noch vollkommen normal. Bei der Mittagsgassirunde löste Alessandro dann Alarm aus.

"Heiliger Himmel, wie das aussieht."
Bienen- oder Wespenalergie. Da bin ich mir sicher. Ob ich ihr eins von meinen Antihistaminen geben soll?
Alessandro befindet, dass dazu jetzt keine Zeit sei und schnell gehandelt werden müsse. "Ruf Schorschi an und bring sie zum Tierarzt", lautet seine Entscheidung. Auf meiner Stirn muss so etwas wie "freiwillige Krankenschwester" stehen. Das war schon immer so. Als sich mein Bruder die Lippe fast abgebissen hatte, hieß es auch "Lauf mit ihm zum Dr. Hutzel". Der Herr Dr. Hutzel hat mich dann aber doch nicht assistieren lassen, obwohl ich das absolut faszinierend gefunden hätte. Damals muss ich so um die 10 Jahre jung gewesen sein.

Schorschi anzurufen, um ihn um seine "Taxi-Dienste" zu bitten, gestaltet sich nicht so einfach. Unser Telefon funktioniert bestens - zumindest dann, wenn es keiner braucht. Jetzt ist es mal wieder ohne Empfang. Da stehe ich und drehe mal wieder an der Antenne herum. Das ändert nicht wirklich etwas. Also schnappe ich das Telefon und laufe mit ihm durch den Wald. Da zwischen den Bäumen verirren sich die Wellen wunderbar und mit etwas Glück finden wir nach ein paar Minuten sogar eine Empfangsstelle.

Erst in der Praxis der Tierärztin entdecke ich unter einem Wasserfall von Hundespeichel an der Spitze der völlig entstellten Hundezunge den Hintern einer Biene. Hanna sitzt brav neben mir und lässt meine Untersuchungen an sich völlig ruhig ergehen. Aus allen Ecken bellen die im Tierkrankenhaus einquartierten Hunde. Nur Hanna, die bellt nicht. Vielleicht lässt ihr Zungenklotz das auch gar nicht zu. Wir sitzen da und warten, bis wir an der Reihe sind, Hanna mit dem Bienenhintern an der Zungenspitze und ich mit einem von ihr völlig zugespeichelten Arm.

Dann kommt die Frau dotora. In aller Ruhe hört sie sich meine Diagnose an. Ich öffne Hannas Maul und sie zieht den Bienenhintern samt Stachel raus. Scheint eine einheimische Biene zu sein und keine der eingeschleppten europäischen. Dann gibt es eine Spritze. Das geht so schnell, dass Hanna gar keine Zeit zum heulen hat, wie sie das sonst bei Spritzen tut, wenn sie diese auch nur zu Gesicht bekommt. Entlassen werden wir danach trotzdem nicht. Wir müssen warten, um zu sehen, ob die Schwellung nachlässt. Hanna sabbert mich weiter mit ihrem Speichel zu. Irgendwann dürfen wir doch die Heimfahrt antreten, mit Rescue-Globuli im Gepäck. Da bin ich schon völlig zugesabbert, bedeckt Hannas Speichel schon so ziemlich alles an mir. Immerhin scheint die Zunge abzuschwellen. Ihr Abendbrot schlabbert sie jedenfalls schon problemlos in sich hinein.

Sonntag, März 05, 2017

Spinnenfressende Wespen

Immer wieder werde ich von diesen klebrigen Fäden der Netze umfangen, die von einigen Spinnen zwischen den Bäumen gewoben werden. Ihr Netz selbst ist nicht enorm groß. Mit ihren Fäden überbrücken sie aber mehrere Meter. Manchmal erscheinen die Netze wie im Nichts zu hängen. Ihr Architekt selbst ist eher friedfertig. Merkt er, dass ich ins Netz gegangen bin, verzieht er sich ruckzuck an einem der unsichtbaren langen Fäden zum Gebüsch oder Baum hinüber. Im Vergleich zu ihren Netzwerken, ist die Spinne selbst eher klein. Große Exemplare nehmen in etwa die Fläche meines Daumennagels ein.

Am Ufer des Nachbarteiches hat eine von ihnen ihre klebrige Falle aufgespannt. Trotz ihrer rundum blickenden Fazettenaugen werden sie von den dort in Schwärmen kreisenden Libellen nicht wahrgenommen. Für Spinne ergibt das wunderbare Festschmäuse.

Heute habe ich aber eine völlig neue Entdeckung gemacht. Schade, dass ich meine Kamera nicht dabei hatte. Es hätte einzigartige Aufnahmen gegeben. Ich habe so etwas jedenfalls noch nie gesehen. Als ich meine Augen über den Fischteich kreisen ließ, um den Cagado auszumachen, ist mir zwischen dem Ufergebüsch, mitten in der Luft ein geschäftiges Treiben aufgefallen. Der Cagado ist eine kleine Süßwasserschildkröte, deren Hals so lang ist, dass sie sich bequem umdrehen kann, sollte sie mal auf den Rücken fallen. Er lebt im Nachbarsteich. Ihn habe ich heute nicht zu Gesicht bekommen.

Bei der Annäherung an das luftige Treiben, bin ich erstaunt stehen geblieben. Eine dieser Spinnen saß in ihrem Netz zwischen dem Gebüsch und wollte wohl eigentlich ihre Libellenbeute für die Vorratskammer einpacken. Stattdessen war sie mit dem Versuch beschäftigt, sich gegen Wespen zu wehren. Zwei, drei schwirrten nur um das Netz herum. Drei andere attackierten die Spinne. Die klebrigen Fäden haben ihnen nichts anhaben können. Auf denen sind sie wie auf Laufstegen einfach herumspaziert. Immer wieder sind sie auf die Spinne los, bis diese regungslos war. Dann hat die eigentliche Arbeit der Wespen begonnen. Sie haben den Körper der Spinne nach und nach zerteilt. War ein Stückchen herausgesäbelt, ist eine von ihnen zu ihrem Nest geflogen. Schon war die nächste am Werk, um sich den nächsten Happen zu schnappen. Alles geschah unter den Augen der Bewacherwespen, die um das Netz herum auf und ab flogen.

Meinem Zeitempfinden nach hat es vom Tod der Beute bis zur Beendigung der Zerlegungs- und Wegbringarbeit  keine Minute gedauert.

Ihr Nest habe ich nicht ausgemacht. Ich habe versucht ihnen, nicht zu nahe zu kommen. Die etwa 2,5 Zentimeter großen, schwarzen Wespen, sind "Tatu"-Wespen (Synoeca cyanea), Gürteltier-Wespen. Sie bauen ihre Nester an Baumstämmen.  Ihren Namen haben sie erhalten, weil ihre Bauten dem Panzer eines Gürteltieres (Tatu) gleichen. Von dessen Gemächlichkeit haben sie nicht viel. Im Gegenteil. Sie sind äußerst aggressiv. Fühlen sie sich gestört, setzen sie zur Attacke an.

Als Alessandro beim Mähen einmal eins ihrer Nester hoch oben am Baumstamm nicht bemerkt hatte, haben sie sich auf ihn gestürzt, obwohl er noch mehrere Meter vom Baum entfernt war. Das war was. Plötzlich ließ er den Schwingmäher fallen und kam angerast. Zwei hatten ihn schmerzhaft erwischt und für Bäulen auf seiner Stirn gesorgt. Seitdem halte ich die Augen offen, um mögliche Tatu-Wespennester ausfindig zu machen, um die wir dann einen gebührenden Abstand einhalten. Oft dauert es nicht lang, bis sie sich wieder einen neuen Platz suchen oder ihre Bauten von Vögeln aufgebrochen werden. Vielleicht sind es auch andere Tiere, die die Wespennester hochnehmen. Beobachten konnte ich das bisher noch nicht. Verlassene Tatuwespennester mit Löchern habe ich aber schon etliche gesehen.

Montag, Februar 27, 2017

Karneval am Horziont des Regenwaldes

Nachts laufe ich durch den dunklen, stillen Regenwald vor zur Straße. Die Hunde haben nicht aufgehört zu bellen. Irgendetwas muss los sein.  Ob einem der Nachbarn etwas passiert ist, Einbrecher unterwegs sind, sich der Nachbarshund verletzt hat? Ich muss sowieso mit den Hunden eine Gassirunde drehen und mich etwas bewegen. Also gehe ich los.

Drei einsame Sterne sind zwischen den Wolken zu sehen. Durch die Bäume hindurch erkenne ich in der Ferne einen orangefarbenen Streifen am Horizont, der von hellen Lichtern durchzuckt wird: die Reflexe des Karnevals in Antonina, einer der besten Straßenkarnevals Südbrasiliens. Wahrscheinlich sind gerade die Sambaschulen mit ihren Tänzern und phantasievollen Wagen die Avenida Gomes entlang gezogen, begeistert angefeuert von einem Publikum, das oft doppelt oder dreimal so groß ist, wie die Stadt Einwohner zählt. Vielleicht ist die Parade auch schon vorbei und wurde der öffentliche "Baile" eröffnet, Tanz. Dann gibt es Live-Musik von einer mitten auf der Avenida aufgebauten Bühne und es tanzen tatsächlich einige der tausenden Besucher im Getümmel der kostümierten Massen.

Dieses Mal treibt es keine Trommelschläge oder Musikfetzen durch die Luft zu uns herüber. Es dominiert der Lärm eines Fahrzeuges auf der wenige hundert Meter von uns entfernten Staatsstraße. Was ist passiert? Auf der Hälfte des Weges zur Straße erkenne ich durch Stämme und Gebüsch in der Ferne rote und helle Lichter. Ich höre Stimmen von Männern, kann aber nichts verstehen. Der Fahrzeuglärm hört sich an, als käme er von einem Abschlepplaster. Immer wieder macht es wumm, wumm, wumm, durchbrochen von unverständlichen Rufen der Männer.

Den Geräuschen nach, wird versucht, ein Auto aufzugabeln. Vielleicht ist es die Böschung hinunter in den Sumpf gerast oder weiter vorne, am Fuß des Hügels die Böschung hinunter und dann zwischen den Bäumen hängen geblieben. Die Straße ist für brasilianische Verhältnisse in einem relativ guten Zustand. Die Geschwindigkeitsbegrenzung auf 60 Stundenkilometer wird da nur von wenigen wahrgenommen und noch wenigeren eingehalten.

Es wäre nicht der erste Unfall an der "descida do bambueiro", wie der Streckenabschnitt von den Einheimischen genannt wird. Bei dem geht es in wenigen Schlangenlinien eine kleine Anhöhe hinunter bis zur Mulde unseres Sumpfes und dann am "Morro das fantasmas" vorbei, dem Geisterhügel, wieder eine leichte Steigung hinauf.

Einmal hat dort in der Senke einer die Kontrolle über sein Auto verloren und ist im Sumpf gelandet. Ein anderer hatte ein wenig mehr Glück und ist nur an der Böschung hängen geblieben. Der Dritte hatte ausgerechnet in einer der Kurven zu einem Überholversuch angesetzt und ist dann schnurstracks an der steilen Böschung zwischen den Bäumen hängen geblieben. Dann war da noch einer, von dem ich nur weiß, dass er die Bretter von unserem an der Staatsstraße aufgestellten Müllbehälter benutzt hat, um sein Auto wieder von der Böschung auf die Straße zu bekommen.

Dort wandeln rastlose Seelen, hat Seu Ito einmal gesagt. Der Sohn japanischer Einwanderer ist in unserer Region aufgewachsen, in der ersten Kolonie der japanischen Immigranten, die Anfang des 20. Jahrhunderts nach Paraná gekommen sind. Er hat die Markthalle in der etwa 100 Kilometer entfernten Großstadt Curitiba mit in unserer Region angebauten Bananen, Maniok und Gemüse  bestückt. Etliche Male ist er an der "Descida do Bambueiro" des nächtens mit seinem Laster hängen geblieben, hat er erzählt, musste Reifen wechseln oder Teile am Motor auswechseln, weil nichts mehr ging. Berichtet hat er auch von einem Unfall, bei demvor Jahrzehnten zwei Mädchen ums Leben gekommen sein sollen. Ihre Seelen, war er sich sicher, geistern noch dort herum.

Seu Ito ist vor fünf Jahren im Alter von 85 Jahren verstorben, nicht bei einem Unfall an der Descida, sondern an einem Gerinsel.

Nach ein paar Minuten beschließe ich, den Rückweg anzutreten. Ich kann den Männern sowieso nicht zur Hand gehen und dem möglicherweise Verunglückten wird ja schon geholfen.

Es ist eine herrliche Nacht. Die Düfte des Waldes fangen mich ein. Zuerst ist es der schwere, süßliche Duft des zu den Ingwerpflanzen gehörenden Lírio. Er wird abgelöst vom zarten, herben Geruch einer Orchidee. Nahe des Hauses umfängt mich ein anderer Duft, dessen Quelle ich nicht kenne. Er erinnert mich leicht an Musk. Oben auf dem Waldweg vor unserem Häuslein bleibe ich stehen, genieße noch ein paar tiefe Atemzüge, die unendliche Stille und das Gefühl von Geborgenheit.

Die Hunde bellen nicht mehr. Jetzt, wo sie wissen, dass die Geräusche nicht uns betreffen, liegen sie wenig später friedlich vor ihrem Häuschen und dösen. Das werde ich jetzt auch tun, im Haus, in der Hängematte.

Montag, Februar 13, 2017

Tödlicher Vipernbesuch

Irgendwie ist mir seltsam. Mir hat es nie etwas ausgemacht, alleine zu sein. Jetzt gerade wünschte ich mir aber, ich wäre es nicht. Unser kleiners Häuschen kommt mir plötzlich riesig vor, riesig und unsicher. Es gibt keinen wirklichen Grund dafür, außer dass sich meinem Gefühl nach irgendetwas anbahnt.  Draußen regnet es. Immerhin haben Donner und Blitze aber eine Pause eingelegt. Das Telefon hat dennoch keinen Empfang.

Vielleicht sollte ich mir etwas zu Essen machen. Warum faucht Katze Binha so unaufhörlich? Kater Nelson Mandela und Maxi sind doch auf der anderen Seite des Hauses. Die drei verstehen sich nicht so gut. Ein Blick durch die Gitternetztür macht mich noch unruhiger. Zwei der drei Katzenbabys stehen hinter Binha mit aufgestellten Haaren und Angriffsbuckel. Binha faucht, macht drei vorsichtige Schritte nach vorne zum Tisch und zuckt schnell wieder zurück.

Die Jararaca ist wieder da. Ich sehe sie nicht. Binhas Verhalten ist aber ein eindeutiges Zeichen. Schnell schlüpfe ich in die Gummistiefel, schnappe mir die Taschenlampe und gehe aus der anderen Türe nach draussen. Ich sehe die Viper immer noch nicht, nehme Binha und die zwei Jungen und sperre sie ins Haus. Dann entdecke ich das dritte Junge. Es sitzt verstört auf dem Haufen geschnittenen Bambus unter dem Tisch. Als ich es hoch hebe, sehe ich den Schwanz der Jararaca hinter der Gasflasche, vor der ich stehe. Hätte sie gewollt, hätte sie mir jetzt leicht ihre Zähne in die Hand hauen können.

Noch habe ich keine Zeit, um mich wirklich um sie zu kümmern. Zuerst müssen alle Katzen ins Haus gebracht werden, damit sie nicht auf die Idee kommen, Schlangenfangen zu spielen. Die Jararaca unter dem Tisch ist eindeutig zu groß für sie. Einen guten Meter ist sie lang und zwei Finger dick. Eine ausgewachsene Katze kann sie zwar nicht verschlingen, aber mit ihrem Gift töten.

Erster Vipernbesuch
Vor drei Tagen hat sie schon auf der anderen Seite des Hauses für Unruhe gesorgt. Da wurde im Haus plötzlich eine der Katzen unruhig und hat mit typischen Gefahr-in-Verzug-Gesten Alarm bei mir geschlagen. Die anderen saßen vor der Tür und haben alle in die gleiche Richtung gestarrt, zum Katzenhäuschen, das auf der Veranda neben der Tür steht. Auch an dem Tag war es naß, kühl und sc hon Nacht. Die Viper war unter das Häuschen geflohen. Wahrscheinlich hatten die Katzen versucht, sie zu erwischen. Nur Roberto Robusto saß regungslos, wie in Trance da. Meine Vermutung, dass er von der Jararaca gebissen worden ist, habe ich erst später bestätigen können, als ich sein langes Fell genau untersucht hatte. Zwei kleine Punkte am Rücken unter seinem Pelz. Die Bißstelle ist anfangs immer unscheinbar. Wirklich sichtbar wird sie, wenn sich das Gift stärker ausbreitet und sich schwarze Krusten an den beiden von den Zähnen verursachten Punkten bilden.

In der Regel überleben Katzen die Schlangenbisse. Wir haben immer ein Breitband-Antitoxikum im Haus, das wir sofort verabreichen, wenn unsere Vierbeiner mal wieder einen dieser giftigen Frösche verspeist haben oder eben von einer Schlange gebissen worden sind. Danach heißt es abwarten und alle paar Stunden ein "Soro" einflössen (Zuckerwasser mit Salz).

Vor drei Tagen hatte ich ebenso alle Katzen im Haus eingesperrt und dann versucht, mit einer langen Bambusstange, die Schlange aufzugabeln und weit weg vom Haus wieder absetzen. Nur war es mir nicht gelungen, sie weit weg zu tragen. Sie hatte sich so gewunden, dass sie schließlich von der Stange fiel und sich schnell in ein nahes Gebüsch davon machen konnte.

Alessandros Mutter liegt uns seit Jahren im Ohr damit, dass wir doch ein Rinderhorn verbrennen und die Reste ums Haus herum verstreuen sollen. Außerdem soll nach ihren Worten Creolina Schlangen, Spinnen und weiß nicht was abhalten. Das Horn, das sie uns geschenkt hat, ist mit Symbolen versehen. Verbrannt haben wir es nie. Ihr Creolina habe ich indes nach dem nächtlichen Viperbesuch vor drei Tagen ausgiebigst rund ums Haus und den Hundezwinger herum versprüht. Das hat einen infernalischen Gestank ergeben, der durch den Regen zum Glück bald wieder nachgelassen hatte.

Versteck unter dem Tisch
Vielleicht war es auch Unglück oder Vipern stören sich nicht wirklich am Creolina. Die Jararaca kam jedenfalls zurück. Dieses Mal hat sie sich einen beinahe uneinnehmbaren Platz ausgesucht. Wie soll ich sie nur aus all dem Gerümpel unter dem Tisch mit der ewig langen Bambusstange raus bekommen? Ich habe gar keinen Platz, um die Stange anzusetzen. Hinter mir ist die Wand, links von mir ebenso. Die Stirnseite des Tisches habe ich zugebaut. Auf der hinteren Seite stehen Alessandros Schwingmäher und die Reste der Holzbretter von der Einzugdecke.

In der Hoffnung, dass sie abhaut, wenn ich Creolina versprühe, stinke ich alles ein, mit einem Auge immer die Schlange im Blick. Die sieht mich an und schlängelt sich langsam Richtung Schwingmäher. Dort ringelt sie sich ein und harrt der Dinge. Wäre sie abgehauen, wäre das vielleicht gar nicht so gut gewesen. Dann würde ich die nächsten Tage in Angst verbringen, dass sie uns irgendwo versteckt belauert und nur auf einen günstigen Moment zum Zuschlagen wartet.

Nach acht Jahren Leben im Regenwald weiß ich natürlich, dass Schlangen anders ticken, als wir uns das so vorstellen. Sie lauern uns nicht auf und beißen auch nicht sofort zu, außer du trittst auf sie oder bedrängst sie unbedacht. So lange sie lang ausgestreckt sind, ist die Gefahr eines Zuschlagens gering. Anders sieht es aus, wenn sie sich für einen Angriff zusammenrollen. Aber auch dann geben zumindest die Jararacas und auch die ungiftigen Caninanas meistens erst einmal eine Warnung, indem sie mit ihrem Schwanz rasseln. Oft verziehen sie sich auch einfach wieder ohne großes Aufsehen. Das weiß mein Verstand. Der Rest von mir will davon aber gerade nichts wissen.

Notruf
Und jetzt? Im Haus geben die Katzen ein Fest, besetzen Tisch und Schränke und alle Plätze, wo sie normalerweise nicht hin dürfen. Roberto Robusto, der sich vom Schlangenbiss von vor drei Tagen wieder einigermaßen erholt hat, liegt neben dem immer noch empfangslosen Telefon, wo er eigentlich nichts zu suchen hat. Ich beschließe, irgendjemanden anzurufen. Alleine fühle ich mich gerade ein wenig überfordert. Es ist Sonntag, es ist schon weit nach 21 Uhr und ich frage mich, wer unserer in der Nähe wohnenden Bekannten um diese Zeit noch wach oder nicht in einer dieser Crenten-Kirchen (Evangelikale Freikirchen) ist.

Erst einmal werde ich einen Empfang suchen und dann sehen, wen ich anrufen werde. In der Hoffnung, dass es im Wald oben an irgendeinem Fleck ein Signal für unser Ruraltelefon mit Handychip gibt, stöpsle ich den Apparat aus und mache mich mit Schirm, Taschenlampe und Telefon auf den Weg, die Katzen im Haus und die Schlange vor der Haustür zurück lassend.

Bis ich ein Signal finde, das einigermaßen stabil ist, dauert es eine Weile.  Ich rufe S. an. Er ist einer unserer Nachbarn, wohnt aber in der Stadt, und er ist pensionierter Bombeiro, Feuerwehrmann. Er empfiehlt mir, über den Notruf die Bombeiros anzurufen. Das mache ich. In den Hörer hinein schreiend, weil der Empfang immer noch hundsmiserabel ist, erkläre ich, wo ich wohne und wo sich die giftige Schlange befindet. Dann gehe ich zur Straße vor, um den kommenden Bombeiros zu zeigen, wo sie abbiegen müssen. So habe ich es mit dem Entgegennehmer des Notrufes vereinbart.

Da stehe ich mitten in der Nacht, den Regenschirm in der einen Hand, den Telefonapparat in der anderen, die Stirnlampe ausgeknipst und warte.

Das Telefon klingelt. Während das Haus trotz potenter Antenne ohne Empfang ist, gibt es diesen ausgerechnet dort, wo sonst nie ein Signal ist. Wir haben unser Haus eindeutig an der falschen Stelle gebaut.

"Hallo?"
"Bombeiros Antonina. Wer spricht?"
"Ich, die Frau mit der Schlange."
"Wir wurden informiert, dass bei ihnen eine Jararaca ist. Wo befindet sie sich?"
"Die Jararaca oder ich? Ich stehe an der Straße und warte auf Sie. Die Viper liegt vor meiner Haustür."
"In der Garage?"
"Nein. Vor der Haustür."
"Ist sie zusammen geringelt?"
Warum diese Frage so wichtig ist, verstehe ich nicht wirklich, antworte aber wahrheitsgetreu mit einem "Ja".
"Wohnen Sie im "Recanto Ecológico"?"
"Nein."  Noch einmal erkläre ich genau, wo ich wohne und wo ich stehe, um ihnen bei ihrem Eintreffen den Weg zum Haus zu zeigen.
Schließlich sagt der Herr Bombeiro, dass sie sich sofort auf den Weg machen werden und ich stehe weiter da und warte. Godot lässt grüßen.

Ein einsamer Radler fährt an mir vorbei und grüßt höflich. Plötzlich kommt eine Hitzewallung, von denen ich bisher behauptet habe, dass sie mich kalt lassen. Diese haut mich um, so heiß ist mir. Warum muss sich der Wechsel ausgerechnet jetzt bemerkbar machen? Wahrscheinlich werde ich jetzt dank dieser Hitzewelle noch mehr Mücken anziehen Die geben sich auf Armen und Rücken ohnehin schon ihrem unersättlichen Blutrausch hin. Ich fühle mich, als wäre ich eine einzige riesige, erhitzte Mückenbeule. Eine dritte Hand wäre jetzt recht, mit der ich die nervigen Vampire vertreiben oder zerdatschen könnte. Stattdessen winde ich mich mit meinen zwei besetzten Händen im Dunkeln wie eine Schlange hin und her, um den Mücken das Landen zu erschweren. Wirklich beeindrucken lassen sie sich davon nicht.

Bei jedem sich nähernden Auto klemme ich den Schirm zwischen Hals und Schulter und  knipse die Stirnlampe an, den vermeintlichen Bombeiros das versrpochene Zeichen gebend. Viele sind es nicht.

Bombeiros im Einsatz
Nach hunderten unfreiwilligen Blutspenden an die Mückenschwärme hält das Bombeiro-Auto dann endlich vor mir an. Nur fünf Minuten länger und ich wäre an Blutarmut gestorben.

Bevor ich etwas sagen kann, spricht einer der beiden jungen Feuerwehrleute in das Funkgerät: "Angekommen in "zona rural". Werden jetzt Schlange entfernen". "Zona rural". Hört sich an wie etwas Außerirdisches. Ländliche Zone, für Städter ein Incógnito und die meisten Brasilianer leben in Städten.

Bis zum Haus sind es noch 300 Meter den Waldweg entlang. Mittlerweile befürchte ich, dass sich die Viper nach all der Zeit schon längst verzogen hat. Ich geleite meine mutmaßlichen Retter zu ihrer Einsatzstelle. "Wo ist die Jararaca?", fragt einer der beiden Bombeiros vor dem Haus stehend und ich sehe mal wieder nichts, außer der Ausrüstung, mit der die Schlange gefangen werden soll: zwei lange Stangen, eine mit einer Schlinge, eine verschließbare Kiste aus Holz und zwei Paar kurze Handschuhe. Letzte stülpen sie sich über. Ob diese tatsächlich einen Biß einer Viper abhalten würden, wage ich sehr zu bezweifeln.  Sie reichen gerade einmal bis zum Handgelenk. Der Rest des Armes unterhalb der kurzämeligen Uniform ist vollkommen schutzlos. Ich hoffe, sie wissen, was sie tun. Immerhin handelt es sich ja nicht um irgendein harmloses Schlänglein, sondern um eine der giftigsten Vipern.  Die ist aber gerade nicht zu sehen.

Vorhin war sie noch da. Genau da unter dem Tisch vor dem Eingang, zwischen all meinen vorgeschnittenen Bambuslatten und den Holzresten war sie, hatte sich dort eingerollt, als würde sie es sich gemütlich machen oder auf ihre Beute warten wollen, die ich vor einer Stunde im Haus eingesperrt habe. Jetzt scheint das Gerümpel schlangenlos. Ich gehe um den Tisch herum. Einer der Bombeiros folgt mir. Beinahe gebe ich auf, da sieht der Bombeiro die Schlange.

"Bring die Kiste näher heran", befiehlt er seinem Kollegen und nimmt die Alustange mit der Schlinge am Ansatz in Anschlag. Zweimal versucht er, die Viper damit aufzugabeln und ich sehe sie in Gedanken schon unter das Holzhaus flüchten und mich die Nacht wachend verbringen, weil sie da vor allen menschlichen Nachstellungen geschützt wäre, wir, die Katzen und ich aber schutzlos wären. Doch davon weiß die Schlange nichts.

Einer der nächsten Fangversuche klappt. Der junge Mann  gabelt das Tier gekonnt auf und legt es wie einen wertvollen Schatz sanft in die Holzkiste, deren Deckel vom anderen doch etwas nervös erscheinenden Bombeiro aufgehalten wird.

"Die ist ganz schön groß", sagt der Schlangenfänger und sein Kollege klappt den Deckel zu. Mission erfüllt. Ich atme auf. Sie werden sie am "Kilometer Fünf" freilassen, sagen sie. Das ist fünf Kilometer von der Stadt entfernt und per Luftlinie ebenso fünf Kilometer von uns.

Sind Vipern ortstreu?
Die abziehenden Bombeiros lassen mich jeder Menge Fragen zurück. Wie groß ist das Revier einer Viper? Wie lange brauchen sie, um fünf Kilometer zurückzulegen? Sind sie überhaupt reviertreu? Wird sie zurückkommen? Verfügen sie über einen ähnlichen Orientierungssinn wie Tauben? Ich finde, das sollten Forscher einmal klären. Das sind für Bewohner der "zona rural" schließlich lebenswichtige Informationen.

Ich öffne die Haustür und beende das Katzenfest mit einem "Die Luft ist rein Jungs, ihr könnt jetzt wieder raus und Mäuuse fangen". Gut, ein wenig muss ich nachhelfen, um die Stube wieder Katzenfrei zu bekommen. Nur die Babys, die lasse ich drinnen. Sie schlummern vor dem Sofa in ihrem von mir zu Beginn des Schlangeneinsatzes eiligst eingerichteten Notnest, einer kleinen Wanne.

Warum ist die Viper überhaupt zu unserem Haus gekommen? Findet sie im Wald um uns herum nicht genügend Nahrung? Oder war es ihr im Wald zu nass? Es ist Regenzeit. Die Niederschlagsmenge der vergangenen Wochen liegt noch dazu weit über dem historischen Durchschnitt, um es mit den Worten der Meteorologen zu sagen. Vielleicht wurde sie vom Geruch der Katzenbabys Binhas angezogen. Der war aber vor ein paar Wochen bestimmt stärker, als sie noch kleiner waren.

Tod der Katzenmama
Wo ist Katzenmama Binha? Im Nest ist sie nicht und auch nicht unter dem Sofa oder einem der Schränke. Als ich vor zur Straße gelaufen bin, lag sie neben dem Notnest. Bei einer schnellen Untersuchung hatte ich keine Bißstelle ausfindig machen können. Das Antitoxikum hatte ich ihr vorsichtshalber dennoch verabreicht. Das war vor dem Anruf bei den Bombeiros. Jetzt ist sie nicht mehr da. Wieder laufe ich mit Taschenlampe und Schirm los, um sie zu suchen. Inzwischen bin ich mir sicher, dass die Jararaca sie gebissen hat, sonst hätte sie jetzt nicht ihre Jungen alleine gelassen.

Binha liebt Katzenbabys. Trächtig war sie nur selten. Nur ein einziges ihrer Katzenkinder lebt noch. Die anderen sind, weil zu klein und zu früh geboren, alle gestorben. Dafür hat sie sich immer all der anderen Katzenbabys angenommen, die wir auf der Straße aufgeklaubt haben, weil sie dort von irgendjemand ausgesetzt worden sind. Dass sie nun drei ihrer eigenen Babys schon fast bis zur Flüggereife gebracht hat, grenzt an ein kleines Wunder.

Alle ihre Lieblingsplätze laufe ich ab, leuchte unters Gebüsch und unters Haus. Nichts. Nach einer Ewigkeit gebe ich schließlich auf, traurig, weil ich weiß, dass ihre Überlebenschancen ohne die regelmäßige Gabe von Flüssigkeit zur Aufrechterhaltung der Nierenfunktion gering sind. Erst am nächsten Tag verlässt sie ihr Versteck, kommt zur Tür, ganz so als ob sie noch ein letztes Mal ihre Jungen sehen will. Wenig später stirbt sie neben dem Nest ihrer Babys.