Montag, Februar 13, 2017

Tödlicher Vipernbesuch

Irgendwie ist mir seltsam. Mir hat es nie etwas ausgemacht, alleine zu sein. Jetzt gerade wünschte ich mir aber, ich wäre es nicht. Unser kleiners Häuschen kommt mir plötzlich riesig vor, riesig und unsicher. Es gibt keinen wirklichen Grund dafür, außer dass sich meinem Gefühl nach irgendetwas anbahnt.  Draußen regnet es. Immerhin haben Donner und Blitze aber eine Pause eingelegt. Das Telefon hat dennoch keinen Empfang.

Vielleicht sollte ich mir etwas zu Essen machen. Warum faucht Katze Binha so unaufhörlich? Kater Nelson Mandela und Maxi sind doch auf der anderen Seite des Hauses. Die drei verstehen sich nicht so gut. Ein Blick durch die Gitternetztür macht mich noch unruhiger. Zwei der drei Katzenbabys stehen hinter Binha mit aufgestellten Haaren und Angriffsbuckel. Binha faucht, macht drei vorsichtige Schritte nach vorne zum Tisch und zuckt schnell wieder zurück.

Die Jararaca ist wieder da. Ich sehe sie nicht. Binhas Verhalten ist aber ein eindeutiges Zeichen. Schnell schlüpfe ich in die Gummistiefel, schnappe mir die Taschenlampe und gehe aus der anderen Türe nach draussen. Ich sehe die Viper immer noch nicht, nehme Binha und die zwei Jungen und sperre sie ins Haus. Dann entdecke ich das dritte Junge. Es sitzt verstört auf dem Haufen geschnittenen Bambus unter dem Tisch. Als ich es hoch hebe, sehe ich den Schwanz der Jararaca hinter der Gasflasche, vor der ich stehe. Hätte sie gewollt, hätte sie mir jetzt leicht ihre Zähne in die Hand hauen können.

Noch habe ich keine Zeit, um mich wirklich um sie zu kümmern. Zuerst müssen alle Katzen ins Haus gebracht werden, damit sie nicht auf die Idee kommen, Schlangenfangen zu spielen. Die Jararaca unter dem Tisch ist eindeutig zu groß für sie. Einen guten Meter ist sie lang und zwei Finger dick. Eine ausgewachsene Katze kann sie zwar nicht verschlingen, aber mit ihrem Gift töten.

Erster Vipernbesuch
Vor drei Tagen hat sie schon auf der anderen Seite des Hauses für Unruhe gesorgt. Da wurde im Haus plötzlich eine der Katzen unruhig und hat mit typischen Gefahr-in-Verzug-Gesten Alarm bei mir geschlagen. Die anderen saßen vor der Tür und haben alle in die gleiche Richtung gestarrt, zum Katzenhäuschen, das auf der Veranda neben der Tür steht. Auch an dem Tag war es naß, kühl und sc hon Nacht. Die Viper war unter das Häuschen geflohen. Wahrscheinlich hatten die Katzen versucht, sie zu erwischen. Nur Roberto Robusto saß regungslos, wie in Trance da. Meine Vermutung, dass er von der Jararaca gebissen worden ist, habe ich erst später bestätigen können, als ich sein langes Fell genau untersucht hatte. Zwei kleine Punkte am Rücken unter seinem Pelz. Die Bißstelle ist anfangs immer unscheinbar. Wirklich sichtbar wird sie, wenn sich das Gift stärker ausbreitet und sich schwarze Krusten an den beiden von den Zähnen verursachten Punkten bilden.

In der Regel überleben Katzen die Schlangenbisse. Wir haben immer ein Breitband-Antitoxikum im Haus, das wir sofort verabreichen, wenn unsere Vierbeiner mal wieder einen dieser giftigen Frösche verspeist haben oder eben von einer Schlange gebissen worden sind. Danach heißt es abwarten und alle paar Stunden ein "Soro" einflössen (Zuckerwasser mit Salz).

Vor drei Tagen hatte ich ebenso alle Katzen im Haus eingesperrt und dann versucht, mit einer langen Bambusstange, die Schlange aufzugabeln und weit weg vom Haus wieder absetzen. Nur war es mir nicht gelungen, sie weit weg zu tragen. Sie hatte sich so gewunden, dass sie schließlich von der Stange fiel und sich schnell in ein nahes Gebüsch davon machen konnte.

Alessandros Mutter liegt uns seit Jahren im Ohr damit, dass wir doch ein Rinderhorn verbrennen und die Reste ums Haus herum verstreuen sollen. Außerdem soll nach ihren Worten Creolina Schlangen, Spinnen und weiß nicht was abhalten. Das Horn, das sie uns geschenkt hat, ist mit Symbolen versehen. Verbrannt haben wir es nie. Ihr Creolina habe ich indes nach dem nächtlichen Viperbesuch vor drei Tagen ausgiebigst rund ums Haus und den Hundezwinger herum versprüht. Das hat einen infernalischen Gestank ergeben, der durch den Regen zum Glück bald wieder nachgelassen hatte.

Versteck unter dem Tisch
Vielleicht war es auch Unglück oder Vipern stören sich nicht wirklich am Creolina. Die Jararaca kam jedenfalls zurück. Dieses Mal hat sie sich einen beinahe uneinnehmbaren Platz ausgesucht. Wie soll ich sie nur aus all dem Gerümpel unter dem Tisch mit der ewig langen Bambusstange raus bekommen? Ich habe gar keinen Platz, um die Stange anzusetzen. Hinter mir ist die Wand, links von mir ebenso. Die Stirnseite des Tisches habe ich zugebaut. Auf der hinteren Seite stehen Alessandros Schwingmäher und die Reste der Holzbretter von der Einzugdecke.

In der Hoffnung, dass sie abhaut, wenn ich Creolina versprühe, stinke ich alles ein, mit einem Auge immer die Schlange im Blick. Die sieht mich an und schlängelt sich langsam Richtung Schwingmäher. Dort ringelt sie sich ein und harrt der Dinge. Wäre sie abgehauen, wäre das vielleicht gar nicht so gut gewesen. Dann würde ich die nächsten Tage in Angst verbringen, dass sie uns irgendwo versteckt belauert und nur auf einen günstigen Moment zum Zuschlagen wartet.

Nach acht Jahren Leben im Regenwald weiß ich natürlich, dass Schlangen anders ticken, als wir uns das so vorstellen. Sie lauern uns nicht auf und beißen auch nicht sofort zu, außer du trittst auf sie oder bedrängst sie unbedacht. So lange sie lang ausgestreckt sind, ist die Gefahr eines Zuschlagens gering. Anders sieht es aus, wenn sie sich für einen Angriff zusammenrollen. Aber auch dann geben zumindest die Jararacas und auch die ungiftigen Caninanas meistens erst einmal eine Warnung, indem sie mit ihrem Schwanz rasseln. Oft verziehen sie sich auch einfach wieder ohne großes Aufsehen. Das weiß mein Verstand. Der Rest von mir will davon aber gerade nichts wissen.

Notruf
Und jetzt? Im Haus geben die Katzen ein Fest, besetzen Tisch und Schränke und alle Plätze, wo sie normalerweise nicht hin dürfen. Roberto Robusto, der sich vom Schlangenbiss von vor drei Tagen wieder einigermaßen erholt hat, liegt neben dem immer noch empfangslosen Telefon, wo er eigentlich nichts zu suchen hat. Ich beschließe, irgendjemanden anzurufen. Alleine fühle ich mich gerade ein wenig überfordert. Es ist Sonntag, es ist schon weit nach 21 Uhr und ich frage mich, wer unserer in der Nähe wohnenden Bekannten um diese Zeit noch wach oder nicht in einer dieser Crenten-Kirchen (Evangelikale Freikirchen) ist.

Erst einmal werde ich einen Empfang suchen und dann sehen, wen ich anrufen werde. In der Hoffnung, dass es im Wald oben an irgendeinem Fleck ein Signal für unser Ruraltelefon mit Handychip gibt, stöpsle ich den Apparat aus und mache mich mit Schirm, Taschenlampe und Telefon auf den Weg, die Katzen im Haus und die Schlange vor der Haustür zurück lassend.

Bis ich ein Signal finde, das einigermaßen stabil ist, dauert es eine Weile.  Ich rufe S. an. Er ist einer unserer Nachbarn, wohnt aber in der Stadt, und er ist pensionierter Bombeiro, Feuerwehrmann. Er empfiehlt mir, über den Notruf die Bombeiros anzurufen. Das mache ich. In den Hörer hinein schreiend, weil der Empfang immer noch hundsmiserabel ist, erkläre ich, wo ich wohne und wo sich die giftige Schlange befindet. Dann gehe ich zur Straße vor, um den kommenden Bombeiros zu zeigen, wo sie abbiegen müssen. So habe ich es mit dem Entgegennehmer des Notrufes vereinbart.

Da stehe ich mitten in der Nacht, den Regenschirm in der einen Hand, den Telefonapparat in der anderen, die Stirnlampe ausgeknipst und warte.

Das Telefon klingelt. Während das Haus trotz potenter Antenne ohne Empfang ist, gibt es diesen ausgerechnet dort, wo sonst nie ein Signal ist. Wir haben unser Haus eindeutig an der falschen Stelle gebaut.

"Hallo?"
"Bombeiros Antonina. Wer spricht?"
"Ich, die Frau mit der Schlange."
"Wir wurden informiert, dass bei ihnen eine Jararaca ist. Wo befindet sie sich?"
"Die Jararaca oder ich? Ich stehe an der Straße und warte auf Sie. Die Viper liegt vor meiner Haustür."
"In der Garage?"
"Nein. Vor der Haustür."
"Ist sie zusammen geringelt?"
Warum diese Frage so wichtig ist, verstehe ich nicht wirklich, antworte aber wahrheitsgetreu mit einem "Ja".
"Wohnen Sie im "Recanto Ecológico"?"
"Nein."  Noch einmal erkläre ich genau, wo ich wohne und wo ich stehe, um ihnen bei ihrem Eintreffen den Weg zum Haus zu zeigen.
Schließlich sagt der Herr Bombeiro, dass sie sich sofort auf den Weg machen werden und ich stehe weiter da und warte. Godot lässt grüßen.

Ein einsamer Radler fährt an mir vorbei und grüßt höflich. Plötzlich kommt eine Hitzewallung, von denen ich bisher behauptet habe, dass sie mich kalt lassen. Diese haut mich um, so heiß ist mir. Warum muss sich der Wechsel ausgerechnet jetzt bemerkbar machen? Wahrscheinlich werde ich jetzt dank dieser Hitzewelle noch mehr Mücken anziehen Die geben sich auf Armen und Rücken ohnehin schon ihrem unersättlichen Blutrausch hin. Ich fühle mich, als wäre ich eine einzige riesige, erhitzte Mückenbeule. Eine dritte Hand wäre jetzt recht, mit der ich die nervigen Vampire vertreiben oder zerdatschen könnte. Stattdessen winde ich mich mit meinen zwei besetzten Händen im Dunkeln wie eine Schlange hin und her, um den Mücken das Landen zu erschweren. Wirklich beeindrucken lassen sie sich davon nicht.

Bei jedem sich nähernden Auto klemme ich den Schirm zwischen Hals und Schulter und  knipse die Stirnlampe an, den vermeintlichen Bombeiros das versrpochene Zeichen gebend. Viele sind es nicht.

Bombeiros im Einsatz
Nach hunderten unfreiwilligen Blutspenden an die Mückenschwärme hält das Bombeiro-Auto dann endlich vor mir an. Nur fünf Minuten länger und ich wäre an Blutarmut gestorben.

Bevor ich etwas sagen kann, spricht einer der beiden jungen Feuerwehrleute in das Funkgerät: "Angekommen in "zona rural". Werden jetzt Schlange entfernen". "Zona rural". Hört sich an wie etwas Außerirdisches. Ländliche Zone, für Städter ein Incógnito und die meisten Brasilianer leben in Städten.

Bis zum Haus sind es noch 300 Meter den Waldweg entlang. Mittlerweile befürchte ich, dass sich die Viper nach all der Zeit schon längst verzogen hat. Ich geleite meine mutmaßlichen Retter zu ihrer Einsatzstelle. "Wo ist die Jararaca?", fragt einer der beiden Bombeiros vor dem Haus stehend und ich sehe mal wieder nichts, außer der Ausrüstung, mit der die Schlange gefangen werden soll: zwei lange Stangen, eine mit einer Schlinge, eine verschließbare Kiste aus Holz und zwei Paar kurze Handschuhe. Letzte stülpen sie sich über. Ob diese tatsächlich einen Biß einer Viper abhalten würden, wage ich sehr zu bezweifeln.  Sie reichen gerade einmal bis zum Handgelenk. Der Rest des Armes unterhalb der kurzämeligen Uniform ist vollkommen schutzlos. Ich hoffe, sie wissen, was sie tun. Immerhin handelt es sich ja nicht um irgendein harmloses Schlänglein, sondern um eine der giftigsten Vipern.  Die ist aber gerade nicht zu sehen.

Vorhin war sie noch da. Genau da unter dem Tisch vor dem Eingang, zwischen all meinen vorgeschnittenen Bambuslatten und den Holzresten war sie, hatte sich dort eingerollt, als würde sie es sich gemütlich machen oder auf ihre Beute warten wollen, die ich vor einer Stunde im Haus eingesperrt habe. Jetzt scheint das Gerümpel schlangenlos. Ich gehe um den Tisch herum. Einer der Bombeiros folgt mir. Beinahe gebe ich auf, da sieht der Bombeiro die Schlange.

"Bring die Kiste näher heran", befiehlt er seinem Kollegen und nimmt die Alustange mit der Schlinge am Ansatz in Anschlag. Zweimal versucht er, die Viper damit aufzugabeln und ich sehe sie in Gedanken schon unter das Holzhaus flüchten und mich die Nacht wachend verbringen, weil sie da vor allen menschlichen Nachstellungen geschützt wäre, wir, die Katzen und ich aber schutzlos wären. Doch davon weiß die Schlange nichts.

Einer der nächsten Fangversuche klappt. Der junge Mann  gabelt das Tier gekonnt auf und legt es wie einen wertvollen Schatz sanft in die Holzkiste, deren Deckel vom anderen doch etwas nervös erscheinenden Bombeiro aufgehalten wird.

"Die ist ganz schön groß", sagt der Schlangenfänger und sein Kollege klappt den Deckel zu. Mission erfüllt. Ich atme auf. Sie werden sie am "Kilometer Fünf" freilassen, sagen sie. Das ist fünf Kilometer von der Stadt entfernt und per Luftlinie ebenso fünf Kilometer von uns.

Sind Vipern ortstreu?
Die abziehenden Bombeiros lassen mich jeder Menge Fragen zurück. Wie groß ist das Revier einer Viper? Wie lange brauchen sie, um fünf Kilometer zurückzulegen? Sind sie überhaupt reviertreu? Wird sie zurückkommen? Verfügen sie über einen ähnlichen Orientierungssinn wie Tauben? Ich finde, das sollten Forscher einmal klären. Das sind für Bewohner der "zona rural" schließlich lebenswichtige Informationen.

Ich öffne die Haustür und beende das Katzenfest mit einem "Die Luft ist rein Jungs, ihr könnt jetzt wieder raus und Mäuuse fangen". Gut, ein wenig muss ich nachhelfen, um die Stube wieder Katzenfrei zu bekommen. Nur die Babys, die lasse ich drinnen. Sie schlummern vor dem Sofa in ihrem von mir zu Beginn des Schlangeneinsatzes eiligst eingerichteten Notnest, einer kleinen Wanne.

Warum ist die Viper überhaupt zu unserem Haus gekommen? Findet sie im Wald um uns herum nicht genügend Nahrung? Oder war es ihr im Wald zu nass? Es ist Regenzeit. Die Niederschlagsmenge der vergangenen Wochen liegt noch dazu weit über dem historischen Durchschnitt, um es mit den Worten der Meteorologen zu sagen. Vielleicht wurde sie vom Geruch der Katzenbabys Binhas angezogen. Der war aber vor ein paar Wochen bestimmt stärker, als sie noch kleiner waren.

Tod der Katzenmama
Wo ist Katzenmama Binha? Im Nest ist sie nicht und auch nicht unter dem Sofa oder einem der Schränke. Als ich vor zur Straße gelaufen bin, lag sie neben dem Notnest. Bei einer schnellen Untersuchung hatte ich keine Bißstelle ausfindig machen können. Das Antitoxikum hatte ich ihr vorsichtshalber dennoch verabreicht. Das war vor dem Anruf bei den Bombeiros. Jetzt ist sie nicht mehr da. Wieder laufe ich mit Taschenlampe und Schirm los, um sie zu suchen. Inzwischen bin ich mir sicher, dass die Jararaca sie gebissen hat, sonst hätte sie jetzt nicht ihre Jungen alleine gelassen.

Binha liebt Katzenbabys. Trächtig war sie nur selten. Nur ein einziges ihrer Katzenkinder lebt noch. Die anderen sind, weil zu klein und zu früh geboren, alle gestorben. Dafür hat sie sich immer all der anderen Katzenbabys angenommen, die wir auf der Straße aufgeklaubt haben, weil sie dort von irgendjemand ausgesetzt worden sind. Dass sie nun drei ihrer eigenen Babys schon fast bis zur Flüggereife gebracht hat, grenzt an ein kleines Wunder.

Alle ihre Lieblingsplätze laufe ich ab, leuchte unters Gebüsch und unters Haus. Nichts. Nach einer Ewigkeit gebe ich schließlich auf, traurig, weil ich weiß, dass ihre Überlebenschancen ohne die regelmäßige Gabe von Flüssigkeit zur Aufrechterhaltung der Nierenfunktion gering sind. Erst am nächsten Tag verlässt sie ihr Versteck, kommt zur Tür, ganz so als ob sie noch ein letztes Mal ihre Jungen sehen will. Wenig später stirbt sie neben dem Nest ihrer Babys.

1 Kommentar:

mondin hat gesagt…

Das tut mit leid für Deine Binha, Dich und die Kleinen!

Wir haben unsre beiden Katzen grad sterilisieren, impfen und "chippen" lassen,
damit sie mitkommen können nach Watzenborn-Steinberg ;)

Lieben Gruss
und pass' auf Dich auf

Ursel